Wenn uns unsere Freunde verlassen
Es spielt keine Rolle ob uns ein Mensch oder ein Tier verlässt. Es ist immer ein Verlassenwerden und Zurückbleiben für die Einen und ein Gehen für die Andern. Es tut unendlich weh und der Schmerz kann uns innerlich zerreissen. Unsere Herzen zum Brechen, zum Weinen und Bluten bringen.
Als Dorina krank wurde (sie hatte Krebs), brach für mich eine Welt zusammen. Sie war über zwölf Jahre an meiner Seite. Sie gab mir den Boden unter den Füssen, war mir mit ihrer mütterlichen, bedingungslosen Art ein Zentrum in meinem Herzen, in meinem Leben. Ja, solche Begegnungen sind möglich. Öffnen wir unsere Herzen, dann erkennen wir, was uns die Tiere lehren, mitteilen und wie sie uns ganz bestimmt auf einem Stück Lebensweg unterstützen. Selbst wer diese innige Beziehung nicht spürt oder erkennt, wird von ihnen begleitet und bedingungslos geliebt. So zu lieben, sind wir leider oft nicht mehr in der Lage. Ich glaube sogar, sonst wären wir nicht auf dieser Welt in diesem Leben.
Dorina zeigte mir in ihrem Sterbeprozess, auf was es wirklich ankommt. Und diese Botschaft möchte ich hier mit Ihnen teilen. Vielleicht stehen Sie in einer gleichen Situation wie ich damals, oder sie haben Angst vor dem Verlassenwerden, dem Sterben.
Gegen alle Urteile von aussen, entschied ich: Dorina hat das Recht zu wählen. Dorina hat das Recht auf ein würdiges Gehen und sie hat das Recht alles zu regeln, was sie noch regeln möchte. Im Dezember 2008 hätte ich sie einfach einschläfern können. Es war der Augenblick, andem ich die Hoffnung auf Heilung verloren hatte. Andem ich begriff, Dorinas Zeit ist gekommen. Sie wird mich verlassen. Warum also weitermachen, sie unnötig am Leben lassen? Sie unnötig dem Sterben aussetzen? Es begann eine Gradwanderung und Achterbahn der Gefühle. Ich fragte mich, wofür habe ich die Verantwortung zu übernehmen und vorallem wann. Es gab Momente, da wollte ich dem ein Ende machen. Doch für wen hätte ich das getan. Für Dorina? Nein, ich hätte es in erster Linie für mich selbst getan und dazu hatte ich kein Recht. Es gab Menschen, einst Freunde, die mich nun als feige hinstellten. Ja, für einige war ich sogar eine Tierquälerin. Es war sehr schwer, mich davon zu distanzieren und mich Dorina hinzugeben. Es war schwer zu erkennen, dass plötzlich jeder alles besser wusste, obwohl keiner Dorina sah, sie besuchte oder sich mit ihr austauschte. Ich entschied mich, unser Zusammensein im Hier und Jetzt zu leben. Ich entschied mich, Dorina auf den letzten Metern ihres irdischen Weges zu begleiten. Ich liess alles um mich herum sein, war einfach die nächsten Wochen und Monate für Dorina da. Als Dorina dann schwächer wurde und sich nicht mehr hinlegte, da war für mich klar, bald wird sie gehen oder gehen dürfen. Wir schliefen die letzten Nächte bei ihr im Stall und was wir da miterleben durften, war unglaublich. Sie nahm Abschied von Simona und Jester. Wollte Dorina dösen, stellte sich Simona dicht daneben, um sie zu stützen. Wenn sich Jester hinlegte und einschlief, verliess Simona den Stall und Dorina stellte sich zu Jester, ihren Kopf leicht über ihn geneigt. Sie nahm Abschied und ich wusste, Dorina regelt alles. Die beiden wissen, dass sie gehen würde. Dorina sowie auch jedes andere Lebewesen hat das Recht auf Abschied. Seit diesen Nächten weiss ich, dass auch Tiere das machen. Auch Tiere verabschieden sich voneinander. Auch Tiere trauern doch gehen sie viel natürlich damit um. Für sie ist alles viel klarer als für uns Menschen. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich diese Erfahrung und Erkenntnis machen durfte. Wir erlebten trotz des Tumors, welcher grösser wurde, einen wunderschönen Winter und Frühling. Sie galoppierte über die Weide, als gäbe es den Tumor nicht. So Viele schöne Erinnerungen hätte ich uns allen genommen.
Lassen wir die Natur sprechen, dann ist es ein Kreis der sich schliesst und ein neuer der entsteht. Dann wird das Sterben zur Geburt. Wenn eine Mutter ihr Kind erwartet, ist es ein natürlicher Prozess den jede werdende Mutter durchlebt. Es ist natürlich, dass wenn die Wehen in immer kürzeren Abständen kommen, die Geburt näher rückt. Dorina begann in immer kürzer werdenden Abständen, ihren Körper zu verlassen, bis sie ihn am Ende ganz ablegte. Für mich war immer klar, Ich werde da sein, sollte sie mich brauchen. Ich werde auch da sein, sollte sie mich nicht brauchen. Ich vertraute darauf, Dorina würde es mich wissen lassen. Dorina war in ihrem Prozess unter dem Regenbogen hindurch gegangen. Sie nahm mich im Schlaf, im Traum mit auf Reisen. Ich durfte sie begleiten und miterleben, wie sie sich von ihrem Hufschmied und anderen Menschen verabschieden ging.
Dorina liess mir mitteilen, dass ich wissen werde, sollte es meine Hilfe zum Sterben benötigen. Nicht weil sie nicht in der Lage dazu war. Ich wusste, sollte es dazu kommen, ist es für uns beide wichtig und von Bedeutung. Ich hatte immer wieder ein Bild in mir. Ich lag im Stroh mit Dorina in meinen Armen. Die anderen Pferde standen daneben und begleiteten uns in diesem Augenblick. Es war alles friedlich und klar.
Ich habe mich gefragt, warum die Pferde nicht öfters einfach einschlafen und sterben können. Warum es gerade bei Pferden so oft den Tierarzt braucht und wir an den Punkt der Entscheidung herantreten müssen. Gerade auch weil wir wissen, dass sie in der Wildnis vielleicht schon längst gegangen wären. Wenn ich bei diesen Fragen an Dorina denke, dann bekomme ich Bilder und Gefühle. Die Pferde haben mit uns Menschen oft gar keine Wahl. Sie sind sogar zu einem grossen Teil abhängig. Wir pflegen sie mit so viel Liebe und begleiten sie. Dabei ist jedoch auch zu spüren, dass sie uns in demselben Prozess genauso begleiten. Sie wissen, dass sie sterben und helfen uns, dass wir es ertragen. Bis zuletzt hat Dorina mich getröstet, obwohl sie es war, die krank war. Sie hat bis zuletzt mich mit ihrem Wesen in die Arme genommen und mir Mut und Kraft geschenkt. So haben wir beide unseres dazu gegeben. Der erhoffte Schritt des selbständigen Einschlafens bleibt leider in so vielen Fällen, eine glückliche Ausnahme. Doch wie glücklich ist diese Ausnahme wirklich? Ein Pferd das sich nicht mehr hinlegt, sich nicht mehr selber richtig tragen kann, apathisch wird und somit uns signalisiert, dass es eigentlich gehen möchte, liegt eines Morgens leblos im Stall. Wissen wir, wie es gestorben ist? Wissen wir, dass es friedlich eingeschlafen ist? Wissen wir, dass es keine Schmerzen hatte? Nein, das können wir nicht wissen. Wenn wir jedoch in uns spüren: Jetzt kann ich nicht mehr dahinter stehen, jetzt kann ich es nicht mehr verantwortet, dann ist dies der Augendblick indem wir die Verantwortung übernehmen und das Pferd, unser Partner und Freund sich uns hingeben darf. Dazu ein tiefgreifendes Zitat von Rolf Gschwind: "Durch diese Entscheidung, werden wir zu dem erlösenden Raubtier."
Der Schritt, den Tierarzt anzurufen, war für mich der schwerste meines Lebens. Und dennoch, es fühlte sich in meinem Herzen richtig an. Ich sprach auch mit Dorina darüber und dabei legte sie sanft ihre Stirn auf meine. Ich weinte und spürte plötzlich eine unglaublich Wärme in mir aufsteigen. Es war als würde mich ein liebevoller Hauch einhüllen. Sie stellte sich etwas weiter vor, so dass meine Hände unter ihrem Bauch waren. Sie schaute nach hinten zu mir und ich wusste, sie will mir etwas zeigen. So legte ich meine Hände auf ihren Bauch und spüre wie er sich mit Wasser füllte. Ich hatte ihre Botschaft verstanden und rief den Tierarzt an. Am Abend ging ich zu Dorina und erzählte ihr, dass er am nächsten Morgen früh kommen würde. Dorina legte sanft ihren Kopf an meine Brust und ich wusste, es ist alles in Ordnung. Dennoch, es war meine schlimmste Nacht. Wenn ich noch am Tag davor mit der Halfter in den Stall kam, wurde Dorina zappelig. Dies bedeutete, dass sie ihr heissgeliebtes Spezialfutter bekam. Wenn ich mir vorstellte, dass sie es am nächsten Morgen auch so machen würde, zerriss es mein Herz. Ich wusste, ich würde sie nicht zum Futter sondern in den Tod führen. An jenem Morgen war alles anders. Sie ass ihr Heu nicht mehr. Als sie mich kommen sah mit der Halfter in der Hand, kam sie zu mir und stellte sich dicht neben mich. Ich halfterte sie ein letztes Mal auf, dann senkte sie ihren Kopf und lehnte sich sanft an mein Herz. Es war für uns beide alles klar und keinen einzigen Augenblick kam Zweifel in mir auf. Dorina starb friedlich in meinen Armen. Wir lagen dicht aneinandergeschmiegt im Stroh, umgeben von den beiden anderen Pferden.
Als Dorina ein letztes Mal ausatmete, spürte ich wie sie bereits neben mir stand. Was ich in meinen Armen hielt, war noch ihr Körper. Da wurde mir klar, ich weinte nicht einfach um Dorina. Ich weinte um mich selbst, weil ich sie verloren hatte. Ich weinte um den Verlust. Wenn ich mich ganz ehrlich und offen anschaue, dann muss ich gestehen, dass ich auch heute noch glücklich und unendlich dankbar bin, dass ich Dorina immer noch spüre, rieche. Traurig macht mich der Gedanke, dass ich sie nicht mehr streicheln kann, nicht mehr mit ihr im Wald spazieren darf, sie mich nicht mehr liebevoll mit ihrer Nase schupst. Wenn ich darüber nachdenke, dann rieche ich plötzlich Dorina und weiss, sie ist hier. Sie ist überall und mit Allem in Liebe. So rein und klar, wie ein Bergkristall. Und dies ist das Symbol unserer Verbindung.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die mich und vorallem Dorina in diesem ganzen Prozess begleitet und unterstützt haben.
September 09 / Tanja Pulfer